Alexander Prietzel: Einer mit Leidenschaft
  23.09.2020 •     BSP Stuttgart Beach , Beachvolleyball , Leistungssport


Alexander Prietzel geht in seinem Beruf als Beach-Volleyball-Trainer völlig auf. Für den Nachwuchstrainer steht der Spaß an der Arbeit und die Weiterentwicklung im Mittelpunkt - dafür nimmt er auch Rückschritte in Kauf.

Photocredit: Conny Kurth

Solustri, Moculescu, Ahmann: Prietzel hat Mentoren an seiner Seite

Wenn Alexander Prietzel über seine Arbeit und seine Athleten und Athletinnen spricht, wirkt er leidenschaftlich und zufrieden, redet meistens etwas lauter. “Das Wichtigste ist, in seinem Job zufrieden zu sein. Und das bin ich voll und ganz”, erzählt der 32-Jährige. Seit gut eineinhalb Jahren ist der Österreicher nun als Nachwuchs-Trainer am Bundesstützpunkt des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) in Stuttgart beschäftigt. Dabei war der Österreicher in seinem Heimatland Cheftrainer der Damen und kratzte mit dem Duo Lena Plesiutschnig/Katharina Schützenhöfer an den Top20 der Welt, hat sich als Co-Trainer der Herren über den Continental Cup für die Olympischen Spiele qualifiziert - ein Tattoo der olympischen Ringe ziert seinen linken Oberarm. Warum also der Schritt in den Nachwuchs?

“Ich sehe das als Chance, dass ich mich weiterentwickeln werde. Das konnte ich in Österreich nicht mehr”, sagt Prietzel. “Hier habe ich die Chance, mit einem der Besten der Welt zusammen zu arbeiten, das ist Jörg Ahmann für mich.” Im Gegensatz zu anderen Trainern schaut er nicht auf eine erfolgreiche Spielerkarriere zurück, suchte auch deswegen immer Kontakt zu erfolgreichen, erfahrenen Trainern. Egal, auf welcher Station sich Prietzel in seiner Laufbahn befand, er hatte immer Mentoren.

Und diese Mentoren waren immer große Namen des (Beach-)Volleyballs: Marco Solustri zählt zu den erfahrensten Trainern im Beach-Volleyball, aktuell ist der Trainer des italienischen Duos Carambula/Rossi. Als Prietzel Plesiutschnig und Schützenhöfer trainiert hat, war Solustri für ein japanisches Damen-Duo tätig. “Unsere Teams waren auf einem ähnlichen Level, er hat mich als jungen Trainer gesucht und mir viel mitgegeben”, sagt Prietzel über Solustri.

Dann kam Stelian Moculescu, erfolgreichster Volleyball-Coach Deutschlands, als Cheftrainer des Beach-Volleyballs nach Österreich. “Das ist mein Volleyball-Papa, wir haben auch sehr viel Kontakt und telefonieren regelmäßig”, erzählt Prietzel. Dass Ahmann den Stützpunkt leitet, war ein großer Beweggrund für Prietzel, im April 2019 nach Stuttgart zu gehen. Diese Wissbegierde, der ständige Drang, sich weiterentwickeln zu wollen, das zeichnet ihn aus. “Ich werde nie fertig sein. Das will ich aber auch gar nicht. Ich werde immer lernen müssen, aber auch wollen.”

“Ich wollte meine Leidenschaft leben”

Geboren im oberösterreichischen Steyr, kam Prietzel über seine Mutter zum Volleyball. Sie und der Vater von Clemens Doppler, heute einer der erfolgreichsten österreichischen Beach-Volleyballer, waren seine ersten Trainer. “Unsere Eltern sind sehr gute Freunde, irgendwann war Clemens mein großes Vorbild, dann ist er mein Firmpate geworden”, erzählt er mit verschmitzten Lächeln.

Trotz seines verhältnismäßig jungen Alters, blickt Alexander Prietzel sowohl im Hallen- als auch Beach-Volleyball bereits auf einen großen Erfahrungsschatz zurück. Seine Trainer-Karriere startete er 2011 im Alter von 23 Jahren in Sierning/Steyr in der zweiten österreichischen Volleyballliga, war bei den Damen und Herren in der zweiten und ersten Liga tätig und auch erfolgreich. “In Österreich gibt es allerdings kaum Trainerjobs, aber ich wusste, dass ich mit Menschen arbeiten und nicht im Büro sitzen will. Ich wollte meine Leidenschaft leben, also habe ich es einfach probiert”, erzählt er.

Der Plan ist aufgegangen. Mit 26 Jahren wurde er hauptberuflich Trainer. Im Sand arbeitete Prietzel zunächst mit Sigrid Herndler und Julia Mair. Nur ein Jahr später übernahm er als Jugendtrainer die Aufgaben im Österreichischen Volleyball-Verband. 2016 folgte der Sprung zu den A-Nationalteams. Auf der World Tour gewann er als Trainer insgesamt sechs Medaillen (1x Gold, 1x Silber, 3x Bronze).

Prietzel sagt, dass er sich nicht auf Damen-, Herren- oder Nachwuchsbereich spezialisieren möchte. “Das ist mir völlig egal, solange der Athlet oder die Athletin Bock hat, zu arbeiten. Für mich zählen Liebe und Leidenschaft. Wenn ich fühlen kann, dass ich diesen Zugang habe, habe ich keine Präferenz.” Was bei anderen abgedroschen klingt, kauft man Prietzel ab. Vielleicht auch, weil er es im Laufe des Gesprächs immer wieder betont.

“Es geht um Entwicklung”

Kommunikation, Ehrlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflektion: Das sind Werte, die für Prietzel entscheidend sind. “Ich habe mich viel mit mit dem Thema beschäftigt. Wie kommuniziere ich am Seitenrand, berührt man mal jemandem beim Sprechen, spricht man etwas in der Gruppe an, was bespricht man alleine? Wenn man als Trainer diesen Zugang hat, ist man schon sehr weit”, glaubt er.

Sportfachlich hat er mit Jörg Ahmann einen absoluten Fachmann an der Seite. “Wir haben ein klares Technikleitbild. Es gibt einfach Knotenpunkte, auf denen man aufbauen muss. Wir versuchen, den Menschen so individuell wie möglich zu trainieren, nicht aus ihm einen Spieler zu machen, der ins System passt”, betont Prietzel. “Wenn man Anna Grüne ihre Abgezocktheit nimmt, ist sie nicht mehr Anna Grüne. Spieler x und Spieler y brauchen vielleicht ein anderes Training oder eine andere Technik, damit sie an die 100 Prozent kommen.” Ahmann und Prietzel setzen im Training auf viele Kleinfeldspiele, um die Athleten und Athletinnen spielfähig zu machen. “Das kommt auch von der Jürgen Wagner-Philosophie”, sagt Prietzel. Er betont außerdem die Fähigkeit Ahmanns, die Athletik der Spieler und Spielerinnen aufzubauen. “Dass es nicht um Titel geht, wurde mir erst bewusst, als ich meinen ersten Titel gewonnen habe. Es geht um meine Entwicklung und die der Athleten. Damit muss ich mich identifizieren können.”

Lob von allen Seiten

DVV-Sportdirektor Niclas Hildebrand zählt Prietzel zu den Kandidaten für den Olympiastützpunkt in Hamburg, auch Trainer-Koryphäe Jürgen Wagner, neuer “Head of Beach-Volleyball”, spricht in höchsten Tönen von ihm. Seine Sozialkompetenz bezeichnet Prietzel als einer seiner großen Stärke, spricht man mit den Athleten und Athletinnen, sind sich mit ihm einig: Neben seinem Engagement und Leidenschaft für den Sport zeichnet ihn vor allem der Umgang mit ihnen aus. “Er denkt immer zuerst an seine Athleten, besonders an ihm sind auch seine ausgefallenen Socken, die auch gerne mal präsentiert”, sagt Lena Ottens. “Im Training sind ihm eine konzentrierte und handlungsorientierte Arbeitshaltung mit guter und ehrlicher Reflektion wichtig.” Bezeichnend: Nachdem Ottens und Partnerin Leonie Klinke sich für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert hatten, riefen sie noch auf dem Feld ihren Trainer an und schrien die Freude ins Telefon.

Anna-Lena Grüne, die Prietzel als die härteste Arbeiterin seiner Schützlinge bezeichnet, betont: “Er kümmert sich nicht nur um unseren sportlichen Fortschritt, ihm liegt auch die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler sehr am Herzen. Im Spiel gibt er mir sehr viel Halt, gerade für mich ist diese Saison eine krasse Überflutung an neuen Eindrücken. Er legt viel Wert darauf, dass ich keinen Druck verspüre, Spiele gewinnen zu müssen.” Ähnliches bekräftigt auch Dan John: “Es gibt Trainingseinheiten, in dem Alex einem das Gefühl vermitteln kann, man sei der beste Spieler der Welt. Das kann in einer Phase von Unsicherheit auf jeden Fall helfen und pushen.”

“Die Achse Ahmann-Prietzel in Stuttgart funktioniert”, denkt Prietzel. “Wir leben eine ähnliche Philosophie und sind absolut ehrlich miteinander. Das ist der Schlüssel.” Der Erfolg gibt ihnen recht: Mit Chenoa Christ, Svenja Müller, Sarah Schulz, Grüne, Ottens und Leonie Klinke qualifizierten sich sämtliche Spielerinnen für die Deutschen Meisterschaften. Und auch in Timmendorfer Strand überzeugten sie und zogen beinahe geschlossen in das Viertelfinale ein. Dabei profitieren vor allem Müller, Schulz und Grüne von den Erfahrungen, die sie in der erstmals ausgetragenen Beach-Liga an der Seite von erfahrenen Spielerinnen wie Karla Borger, Melanie Gernert und Isabel Schneider sammeln konnten. Anna-Lena Grüne spielte im Anschluss mit Kira Walkenhorst weiter. “Spielerinnen wie Karla Borger oder Kira Walkenhorst haben das Spiel verstanden und geben diese Erfahrungen in sehr intensiven Gesprächen weiter. Das hilft ungemein”, betont Prietzel.

Konkurrenz belebt das Geschäft

“Wir haben sehr viele Athleten, auch im Training herrscht deswegen ein großer, gesunder Konkurrenzkampf”, ergänzt er. “Der Wille, professionell zu arbeiten, gehört auch dazu.” Prietzel ist überzeugt von den geschaffenen Strukturen rund um die Stützpunkte, an denen auch Athletik- und Mentaltrainer genauso wie Physiotherapeuten beschäftigt sind. “Das hat es vor 20 Jahren noch nicht gegeben. Die Generation um Phil Dalhausser hat das alles am Strand gelernt, es sich selbst beigebracht und vor allem finanziert.”

Am Bundesstützpunkt in Stuttgart haben Ahmann und Prietzel außerdem verstärkt auf Synergien mit dem Hallen-Volleyball gesetzt, alle Spieler und Spielerinnen sollen in der zweiten Bundesliga spielen. “Dort werden sie auf der Außen-Annahme-Position eingesetzt, um viele Annahmekontakte zu haben und zu lernen, sich im Doppelblock durchzusetzen”, erklärt Prietzel. “Im Winter haben sie sonst keinen Wettkampf. Das ist etwas Messbares, da kann man schauen, wo man steht. Eine Anna Grüne braucht immer Wettkampf, das ist einfach ihr Typ.” Dabei werden die Athleten und Athletinnen genau überwacht, um die Belastung nicht zu groß werden zu lassen. “Wenn man im Winter körperliche Schwerpunkte setzen will, macht man das. Das ist alles steuerbar”, sagt Prietzel.

Neben dem Posten am Stützpunkt in Stuttgart absolviert er noch bis September 2022 das Diplom für Volleyball- und Beach-Volleyball-Trainer, seine Wochenarbeitszeit dürfte die 40 Stunden deutlich übersteigen. “Vergiss die Stunden. Ich mache das alles, weil ich Bock darauf habe und mich immer weiterentwickeln möchte.” Oder wie Dan John es ausdrückt: “Außerdem dürfte er sich meiner Meinung nach etwas mehr Auszeiten von der Arbeit gönnen, um weiterhin munter und enthusiastisch am Ball zu bleiben.”

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